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MTJ Nummer 7 – 2008 INTERVIEW 
News 1-Allianz- ein gemeinsamer Acker
CHRISTOPH J.WALTHER
Im MTJ-Interview erklären Norbert Neininger und Beat Lauber, wie die News1-Allianz zu Stande gekommen ist und wie sie auf- und ausgebaut werden soll. Und warum News1 nicht Google schlagen will.

MTJ: Was hat für Sie mehr Gewicht: Das geplante News1-Portal oder die Tatsache, dass sich Regionalverlage zu einem gemeinsamen Vorgehen haben durchringen können?

LAUBER: Nehme ich die Reaktionen, die ich lustigerweise aus Österreich und Deutschland erhalten habe, steht für mich sicher der Umstand im Vordergrund, dass es nun endlich einmal gelungen ist, dass unabhängige Verlage miteinander ein zukunftsweisendes Projekt machen. Die Plattform selber ist als Geschäftsmodell natürlich gleich wichtig. Doch dass Verlage hier gemeinsam eine Marktbearbeitung realisieren, ist ja fast schon einzigartig.

Wie schwierig war es, die News1-Allianz zu schmieden, und welches waren die Haupthindernisse? Sie waren jetzt, soweit es von aussen zu beobachten war, ein gutes Jahr lang unterwegs.

NEININGER: Das hat ein Jahr gedauert vom ersten Gespräch bis zur Unterschrift, ja. Aber man war sich bei diesem Projekt schnell einig, dass wir es realisieren wollten, das hat man von aussen wohl etwas anders wahrgenommen. Der Wille und die Notwendigkeit, das zu machen, waren nach der ersten Sitzung aber schon klar. Zeit nahm dann die Umsetzung in Anspruch. Man muss sehen, dass in diesen Partnerverlagen verschiedene Modelle im Internet im Einsatz waren und immer noch sind. Und sich aus bestehenden Konzepten heraus auf etwas Gemeinsames zu einigen, braucht einfach seine Zeit. Es ist ein gemeinsames technisches und gesellschaftsrechtliches Projekt und auch ein Projekt, bei dem unterschiedliche Geschäftsmodelle aufeinander treffen. Und da kann ich darauf verweisen, dass das andere Verlegerportal, das heute an den Start geht (das Interview fand am 8. August 2008 statt) nicht weniger lange gebraucht hat. Und die haben sich nicht mit freien und unabhängigen Partnern auseinander setzen müssen, sondern nur intern.

Ist somit das häufig kolportierte Lagerdenken unter den Regionalverlagen mit News1 am Verschwinden oder schon überwunden?

NEININGER: Sowohl als auch. Es ist ja in unserer Branche durchaus üblich, dass man bei bestimmten Aufgaben zusammenarbeitet, zum Beispiel beim Druck oder bei der Verteilung. Da geht man auch mit einem grösseren Konkurrenten zusammen, wenn es sinnvoll ist und die Zusammenarbeit die Infrastruktur betrifft. In unserem Fall reifte die Erkenntnis, dass man im Internet sowohl lokal als auch regional stark sein muss und dass es dazu - im Überregionalen - eine gemeinsame Initiative braucht. Das hat geeint.
LAUBER: Das Lagerdenken war da nicht so wahnsinnig wichtig, denn man muss sehen, das Portal Newsnetz, das nun an den Start gegangen ist, deckt drei Medienräume ab, während wir mit News1 sechs Medienräume abdecken. Diese Medienräume überlappen sich teilweise. Doch war es bei dem Projekt nicht so wichtig, dass der eine dem anderen in den Garten treten könnte. Wichtiger ist allenfalls die Frage, was damit im Markt ausgelöst wird. Und da gibt es schon immer Überlegungen, ob sich für die einzelnen Verlage negative Folgen ergeben oder nicht. Doch wurde diese Diskussion in diesem Projekt nicht sehr intensiv geführt.

Haben die Verlage sich beteiligt aus der Einsicht heraus, nur gemeinsam im Online-Bereich reüssieren zu können, oder war einfach das Schreckgespenst Google+Tamedia gross genug?

NEININGER: Zum einen ist inzwischen allen klar geworden, dass im Internet eigene Gesetze gelten und dass wir mit einer Doppelstrategie - lokal getrennt, national gemeinsam - mehr erreichen. Dazu haben Google und andere uns gezeigt, dass man mit unseren Inhalten ein Geschäft machen kann. Und zwar ohne dass man uns als Urheber entschädigt oder wenigstens einbindet. Auch das hat uns bewogen, die Sache selber anzugehen. Vom Tamedia-Portal haben wir erst erfahren, als wir uns schon ziemlich einig waren.

Welche Auswirkungen hat die News1- Allianz auf die Medienbranche in der Schweiz? Es gibt jetzt klar zwei Gruppierungen bei den Regionalverlagen: die Tamedia und die News1-Allianz und als dritte in der Westschweiz die Edipresse. Daneben gibt es die SRG und Ringier, die beide überregional tätig sind. Inwiefern ist eine weitere Konsolidierung entlang dieser Linien zu erwarten, etwa bei gemeinsamen Mantelteilen für die Printtitel?

NEININGER: (lachend) Wir zumindest bleiben unabhängig.
LAUBER: Nein, das möchte ich nicht zu stark in den Vordergrund stellen, denn es geht effektiv um die Stärkung der einzelnen Medienräume, die sich ja auch nicht so direkt konkurrenzieren. Für den Markt haben wir jetzt eine Supersituation: Neun Medienräume arbeiten an ihren regionalen Medien. Das ist doch hervorragend, ein supergutes Kombi. Doch es ist falsch zu meinen, die News1-Partner würden künftig alles miteinander machen. Wir arbeiten ja im Vertrieb sehr intensiv und erfolgreich mit der Tamedia zusammen. Bei den Online-Aktivitäten, bei denen die Verstärkung des regionalen Raums im Vordergrund steht, arbeiten wir mit diesen sechs zusammen. Mit denen haben wir auch keine Konkurrenzsituation in Basel oder Bern. Und da würde nichts im Wege stehen, wenn man irgendeinmal sagt, das ist ja wirklich eine tolle Sache, da bieten wir im Werbemarkt beispielsweise ein Kombi an. Oder man geht bei gewissen Dingen sogar gemeinsam vor. Das würde ich nicht einmal ausschliessen. Aber sicher wäre es falsch, daraus abzuleiten, dass die sechs Partner alle Entwicklungen miteinander betreiben werden. Das wäre vermutlich etwas zu weit gegriffen.

Dennoch ist die News1-Allianz auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu Stande gekommen. Die Verlage beteiligen sich an einer AG und verpflichten sich darüber hinaus kaum zu konkreten Schritten. Im Gegenteil, verlagseigene Projekte, wie etwa das A-Z-Portal bei der AZ Medien, werden weitergeführt. Wie realistisch sind da wirklich gemeinsame Projekte, um gegen globale und nationale Konkurrenten vorzugehen? Müsste man da nicht mutiger sein und die eigenen Online-Lösungen gezielt durch eine neue übergreifende und umfassende Lösung ersetzen?

NEININGER: Nein, im Gegenteil: Das ist ja grad unser Vorteil, dass es gut gehende und inhaltsreiche Portale bei den Partnern gibt. Je besser die Informationen regional und lokal aufbereitet sind, desto besser wird das gemeinsame Portal. Das liegt ja auf der Hand. Wir können nicht aus einer gemeinsamen Zentrale heraus lokale und regionale News recherchieren, das soll bei den Partnern vor Ort geschehen. Die können das doch am besten. Und natürlich verpflichten wir uns zu konkreten Schritten: In einem Leistungsvertrag mit den einzelnen Häusern wird geregelt, was ins gemeinsame Portal wann geliefert wird, wer wann auf welche Daten Zugriff hat. Das gibt in den nächsten Wochen noch viel zu tun und abzusprechen. Wir werden jetzt festlegen, wie gross die Koordinationszentrale wird und wie viel Eigenleben dort entsteht.

Sie haben die anstehenden Verhandlungen für Leistungsverträge erwähnt. Wie ist das Betriebskonzept für News1? Gibt es eine zentrale Organisation, und wie ist diese strukturiert? Und wie werden beteiligte Verlage organisatorisch angebunden? Wie soll der Interessenausgleich laufend bewerkstelligt werden?

LAUBER: Das ist eine gute Frage, die indes von der Hypothese ausgeht, es sei klar, welches Geschäftsmodell im Online zu betreiben sei. Da nehme ich den Vergleich, dass wir nun zusammen einen Acker gekauft haben. Da gibt es nun verschiedene Faktoren zu berücksichtigen wie das Wetter, Umweltfaktoren, Bodenbeschaffenheit usw. Markt, Mediennutzungsgewohnheiten etc. Die werden in der Zukunft zeigen, was wir da ansäen müssen. Vorerst haben wir definiert, was wir in einem ersten Schritt ansäen wollen. Weil wir nun den Acker gemeinsam betreiben müssen, werden wir hoffentlich sehr schnell lernen, ob wir da allenfalls mit Fruchtfolgeflächen arbeiten werden oder nicht, also mit neuen Angeboten, oder ob wir das, was wir haben, ausbauen und ausreizen. Das wissen wir alles nicht. Aber: Wir werden es garantiert in dem Modell am besten machen können, weil wir am besten wissen, was in diesen Regionen in diesen Äckern passiert, und so werden wir am schnellsten reagieren können, sollten wir das Geschäftsmodell ändern müssen...

...doch jeder Partner hat den besten Traktor und will mit diesem das Feld bestellen. Da ist sicher die Frage des Interessenausgleichs nicht eine einfache, wenn es um Leistungsvereinbarungen geht...

LAUBER: Das ist eben nicht so: Die eigenen Traktoren brauchen sie für ihre eigenen Sites. Und diese Traktoren sind eigentlich nichts anders als Kommunikationsmittel in den Regionen, um die Beziehungen zu pflügen. Und mit News1 aggregieren wir das auch für eine andere Kundschaft, die einen anderen Zugang zu diesen Informationen hat. Und die Ernte einzufahren und den Ertrag zu verteilen, ist immer einfacher, als so zu tun, man wüsste man schon, wie alles läuft, Geld ausgibt und investiert und am Schluss nichts verdient hat und dann verärgert ist. Es ist ein anderer Zugang, bei dem ich zugebe, es braucht etwas länger, braucht viel mehr Diskussionen, aber es bringt auch viel mehr Gewissheit, dass man das Richtige macht.
NEININGER: Im Internet ist nicht unbedingt das bisherige Verleger-Geschäftsmodell erfolgreich. Betrachtet man, was im Internet wirklich überzeugt und auch rentiert, so sind es nicht Electronic Papers oder andere verlagsnahe Modelle. Es sind andere Dinge. Internet ist vielmehr eine umfassendere, sicher multimedialere Veranstaltung, als dies Verleger über Jahre angenommen haben. Und wir werden einen Teufel tun, nochmals in die gleiche Falle zu laufen und Abonnements verkaufen zu wollen für unsere Online- Ausgaben. Fussend auf den Erfahrungen der sechs Medienhäuser in den vergangenen zehn Jahren, wird in den nächsten Monaten und Jahren Neues entstehen. Der Markt ist in Bewegung. Wer hätte von eBay, von amazon.com gedacht, dass das etwas wird? Wer hätte an die sozialen Netzwerke geglaubt? All das hat sich entwickelt ohne Zutun der Verleger. Jetzt haben wir endlich eine gemeinsame Unternehmung, um auf die Marktbedürfnisse im Internet zu reagieren. Und wir beginnen damit, das zu aggregieren, was vorhanden ist. Aber es wird weiter gehen und in Richtungen gehen, die wir jetzt noch gar nicht kennen. Die besten Köpfe aus den Verlagen kommen jetzt zusammen und bringen frei ihre Erfahrungen ein, ohne Scheuklappen. Und davon versprechen wir uns enorm viel.
LAUBER: Da kommt noch etwas ganz Wichtiges hinzu: Bei News1 wird man vermutlich experimentierfreudiger sein als auf der eigenen Plattform, die man mit einer ganz klaren strategischen Ausrichtung schon ausgebaut hat. Das ist eine Riesenchance. Da können wir auf der Plattform auch ganz andere Modelle ausprobieren, was die einzelnen Verlage nie machen würden. Da gibt es eine gewisse Beisshemmung, die aus der Nähe zu den Märkten kommt.

Ist das mithin auch das Geschäftsmodell, das mit News1 verfolgt wird? Wie genau können die beteiligten Verlage mit News1 mehr Geld verdienen, als sie es heute tun?

LAUBER: Für die einzelnen Medienunternehmen wird News1 sicher einmal Traffic bringen und so ihr eigenes Geschäftsmodell verstärken. Das ist ein ganz wichtiger Punkt und stellt auch die Motivation dar mitzumachen. Das ist ja für viele auch die Motivation, weshalb sie Google- News nicht einfach zum Teufel jagen. Neue Geschäftsmodelle werden wir so entwickeln, dass wir am Schluss einen Schlüssel finden, um den Gewinn zu verteilen, von dem wir glauben, dass er kommen wird.

Wie positioniert sich News1 gegenüber Google, insbesondere Google-News? Für viele Verlage, auch solche, die bei News1 mitmachen, ist heute Google ein wichtiger Traffic-Bringer, auf den man nicht verzichten möchte. Wie verhalten Sie sich heute gegenüber Google? Sehen Sie weiterhin rechtliche Schritte vor, wie vor einem Jahr angekündigt?

NEININGER: Die Copyright-Rechtslage ist klar: Was Google macht, ist illegal. Da gibt es gar keine Diskussion. Google bietet deshalb jedem das «Opting out» an: Jeder kann in seiner Datenbank einen Befehl setzen, so dass der Google-Crawler diese Seiten nicht plündert. Das finden wir ungenügend, Google müsste uns anfragen und uns auch eine Entschädigung anbieten. Und wir sollten bestimmen können, was Google in Google-News von uns aufnehmen darf. Wer die Inhalte liefert, also wir, sollte doch auch davon profitieren können. Es darf doch nicht sein, dass Leute, die mit den Inhalten nichts zu tun haben, durch eine blosse Zusammenfassung mittels eines Roboters ein Geschäft damit machen. Das ist nicht fair. Wir haben dann diesen Rechtsstreit gegen Google vertagt, weil wir ja sehen, dass Google- News ein Bedürfnis ist - sowohl beim Publikum, denn diese Sites sind gut besucht, als auch bei den Verlagen, weil so Traffic zurückkommt. Nun haben wir eine veränderte Ausgangslage, es gibt Verlegerportale, die News-Zusammenfassungen anbieten können, und zwar in Absprache mit den Verlagen und so, dass diese (und indirekt auch ihre Journalisten) entschädigt werden. Jetzt werden wir auch die rechtliche Situation nochmals beurteilen. Meine persönliche Meinung ist, dass wir angesichts dieser neuen Ausgangslage den anderen News-Aggregatoren rechtlich zeigen, wo «de Bartli de Most holt». Es geht ja nicht nur um Google, es gibt ja noch andere wie news.ch oder Moneycab, die unsere Inhalte ohne Beachtung des Urheberrechts verwenden.
LAUBER: Für mich ist diese Rechtssituation nicht derart im Vordergrund. Google hat ein gutes Angebot, das gut genutzt wird. Doch wir müssen herausfinden, wie wir im regionalen Umfeld stärker sein können und Angebote liefern, die man bei uns auch nachfragt. Das ist kein Entweder-Oder. Wir müssen Dinge besser machen oder Dinge anbieten, die nicht ein anderer besser macht. Da gibt es eine Vielzahl von Möglichkeiten. Ich finde es falsch, da nur auf Google-News zu schauen. Wir wollen ja bei News1 weitere Aktivitäten wie Community-bildende Massnahmen aufnehmen, die im Moment von Google nicht angeboten werden. Und da werden wir sicher Nischen finden. Aber gegenüber den Global Players wird es einen Wettbewerb oder ein Alternativangebot geben. Wir werden lernen, damit zu leben. Doch wir müssen jetzt handeln, bevor weitere zu stark in diesen Regionalthemen Fuss fassen. Das wäre für uns nicht so gut.

Nun ist ja Google-News über alle Regionen hinweg vollständig, während News1 nur einen Ausschnitt daraus anbieten wird. Werden Sie auch Inhalte Dritter aufnehmen, die nicht im News1-Verbund sind, um eben ein vollständiges Angebot zu haben?

NEININGER: Wir reden mit allen, die News in dem Umfang und in der Qualität liefern können, wie wir es brauchen. Selbstverständlich.

Gibt es da schon Reaktionen?

NEININGER: Wir werden einen vollständigen News-Überblick liefern. Wir werden mit allen, die uns News liefern können, Abmachungen treffen, so dass ein vollständiger News-Überblick über die Deutschschweiz hergestellt werden kann. Es gibt Agenturen, die sehr gern mit uns zusammenarbeiten, und es gibt Informationsquellen, die nicht direkt mit Verlagen verbunden sind. Wir sind ja kein geschlossener Verein. Wir haben jetzt eine Firma unter uns sechs, aber wenn da weitere Partner dazu stossen wollen, reden wir gerne mit denen.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie auch Material von Tamedia erhalten werden?

NEINIGER: (lachend) Nichts ist unmöglich.
LAUBER: Die haben wir logischerweise noch nicht angefragt.
NEININGER: Gerade in den grossen Medienplätzen ist es ja am einfachsten. Denn da hat es in der Regel eine grössere Agenturpräsenz. In Zürich zum Beispiel gibt es auch noch Radios, die nicht zur Tamedia gehören, und es gibt weitere News-Quellen. Es ist ja nicht so, dass Zürich, Basel und Bern journalistisch ausschliesslich von der Tamedia-Koalition betreut werden. Anders sieht es in unseren regionalen Räumen aus. Da gibt es in der Regel keine Alternative zu uns. Und darum bin ich da zuversichtlich, dass wir den Rank finden werden. Im Internet ist ja alles nur einen Klick entfernt. Und das Gärtchendenken hat ein Stück weit aufgehört.

Inwiefern werden Inhalte der NZZ auf News1 eingebunden werden? Warum gibt es keine bei der NZZ angesiedelte Zentralredaktion für die überregionalen Bereiche? Oder: Wie weit ist ein solcher Schritt entfernt? Wurde er bereits andiskutiert?

LAUBER: Es ist natürlich so, dass eine regional verankerte Plattform auch von der strategischen Ausrichtung, etwa auf Communities, etwas völlig anderes ist als eine zielgruppenorientierte, überregionale Themenplattform, wie es etwa NZZ-Online darstellt. Um auf unserer Plattform aber auch überregionale Informationen anbieten zu können, werden wir hier sicher Kooperationsmodelle finden. Ein solches haben wir bereits mit ZO-Online, wo ein Informationsfenster der NZZ für überregionale Informationen eingebaut wurde. Aber es ist ganz klar, NZZ-Online und Regionalplattformen haben eine andere Stossrichtung. Da sind wir dabei, den Informationsaustausch zu diskutieren, doch das steht nicht im Vordergrund, denn um den Zürcher Medienraum regional abzudecken, haben wir ja Zürich-Land im Verbund.
NEININGER: Zudem ist Radio Zürisee das grösste Lokalradio der Schweiz und liefert einen sehr schönen und guten NewsÜberblick auch über die Stadt Zürich. Da können wir ganz zuversichtlich sein.

Die praktische Umsetzung erscheint keineswegs einfach: Warum soll jemand etwa auf Zisch und/oder auf das Newsportal gehen? Und wie sollen Verlage das Newsportal gegenüber dem eigenen Angebot bewerben?

NEININGER: Benutzer verschaffen sich ihren News-Überblick auf einer Site, die ihnen zusagt. Dort sehen sie einen Hinweis auf ein gemeinsames Portal oder auch umgekehrt: Sie kommen vom gemeinsamen und gehen ins regionale und haben dann dort die Vertiefung. Das ist wie zwei Eingänge zum gleichen Haus: einen kleineren und einen grösseren oder auch eine blinkenden und einen weniger blinkenden. Aber man ist am Schluss im gleichen Haus. Und Internet ist ja nicht das gleiche wie die Zeitung, wo Sie sich am Kiosk für die eine oder die andere entscheiden müssen. Sondern Sie können mit einem einzigen Klick auf eine andere Site wechseln. Und wir sollten nicht bei den News hängen bleiben. Nehmen wir, beispielsweise, Dating-Plattformen. Die funktionieren in kleinen Regionen nicht, weil es wenig Sinn macht, in Schaffhausen im Internet eine Freundin zu suchen, da ist die Chance gross, dass Sie die schon kennen. Gehen wir da nun gemeinsam in eine grössere Umgebung, sieht die Situation anders aus. Und dafür gibt es noch viele weitere Beispiele. Und dann ist es ja egal, ob man über Zisch einsteigt oder über uns oder über irgendjemand anders. Die Frage des Konkurrenzverhältnisses zwischen den regionalen Portalen und dem gemeinsamen haben wir unter uns sehr eingehend besprochen. Wir sind zum Schluss gekommen: Wir machens erst recht, weil sich die beiden Ebenen ergänzen und befruchten.

Wie werden Sie mit dem Online-Werbeverkauf umgehen? Wer ist dafür zuständig? Web2com? AdLink? Jeder Verlag für sich? Gibt es spezielle Angebote bei der Display-Werbung, die dann auf allen angeschlossenen Sites erscheint, im Sinne eines Kombi?

NEININGER: Da sind wir natürlich am Anfang. Was wir haben, sind verschiedene Webvermarktungsmodelle in den Verlagen. Und da gibt es im Moment Bindungen, jeder hat Koalitionen gebildet. Unsere Aufgabe der nächsten Wochen ist es, zu überprüfen, was man aus dem Bestehenden Gemeinsames machen kann. Und selbstverständlich werden wir mit den Vermarktern zusammenarbeiten, die uns die besten Aussichten auf Erfolg geben.

Werden Sie auch Google-AdSense einsetzen?

NEININGER: Es ist alles möglich, was langfristig Gewinne bringt und uns nicht behindert.

Haben Sie konkrete Meilensteine und Erfolgskriterien definiert, die für die Fortsetzung der Allianz, wie sie jetzt geplant ist, erreicht werden müssen?

NEININGER: Da wir einen Misserfolg ausschliessen, war das nicht nötig.

Inwiefern ist schon ein gemeinsames Vorgehen bei Local Search geplant. Hier haben Sie ja Lösungen von local.ch und von a-z.ch bei sich im Verbund...?

LAUBER: Das ist ein wichtiges Thema. Wir haben jetzt unterschiedliche Lösungen in den Regionalverbünden. Die Plattformen der FPH arbeiten mit local.ch zusammen. Im Rahmen von News1 haben wir eine eigene Lösung in Bezug auf die Lokalisierung der News. Und jetzt ist die Frage, wie wir Marktinformationen aus den Regionen zusammenbinden wollen. Das hängt eng mit der Vermarktung zusammen, wie es Norbert Neininger soeben ausgeführt hat. Da aber zuerst die News im Vordergrund gestanden sind, haben wir da noch nicht entscheiden müssen. Darüber bin ich froh, denn auf Grund bestehender Lösungen hätte das zu Problemen führen können. Für weitere Aspekte ausserhalb der News sind wir in einem offenen Wettbewerb. Doch bei Local Search ist es viel wichtiger, das in den Regionalplattformen einzubauen, und da hat jeder für sich schon eine Lösung gefunden.

Was sehen Sie im Rahmen von News1 im Mobilbereich vor? Werden Nachrichtenmeldungen georeferenziert?

NEINIGER: Ja, das ist so geplant. Die Redaktionen werden die Adressen eingeben, und das Geotagging wird dann automatisch hinzugefügt.
LAUBER: Das ist nun ein schönes Beispiel für den anderen Nutzen, den News1 bringt. Das betrifft Technologieentwicklungen, die wir im Umfeld von News1 gemeinsam angehen können. Das wird dann nicht nur auf News1 eingesetzt, sondern kann von den Partnern auch auf ihren regionalen Sites betrieben werden.

Was ist geplant bei Online-Videos? Ist Blocher-TV aus Ihrem Hause, Herr Neininger, ein wegweisendes Erfolgsmodell?

NEININGER: (lacht) Das fragen mich alle. News1.ch ist ganz sicher eine multimediale Veranstaltung. Web-TV und Web- Radio sind für uns wichtig. Tele-Blocher wird Ende des Jahres auslaufen. Doch es wird sicher Angebote geben, die ähnlich grosse Aufmerksamkeit erregen. Wir haben ja beispielsweise in unserem Verbund auch das Bundeshaus-Radiostudio bei Radio Zürisee, das ist eine blendende Ausgangslage.

Gibt es da schon etwas Konkretes?

NEININGER: Ja, es gibt Pläne, die aber noch nicht ans Licht der Öffentlichkeit gehören. Tele-Blocher hat gezeigt, dass man mit relativ bescheidenen Mitteln und ohne die Erlaubnis des Bakom und damit ohne irgendwelche gesetzliche Einschränkungen eine beim Publikum erfolgreiche Fernsehsendung machen kann. Da tun sich ganz neue Möglichkeiten auf.

Was ist geplant im Community-Bereich? Ist die erwähnte überregionale Dating-Plattform ein konkretes Vorhaben?

NEININGER: Nein, das habe ich als Beispiel erwähnt. Zuerst kommt der News-Bereich mit Mobile und SMS. Und weitere Schritte folgen dann nach und nach. Aus meiner Sicht macht eine überregionale Dating-Plattform Sinn.

Welches wird aus Konsumentensicht der unschlagbare Vorteil von News1 sein?

NEININGER: Wir bieten über den regionalen Ausschnitt, den der User selber bestimmt, jene grosse Dichte an lokalen und regionalen Inhalten, die es im Internet im Moment braucht. Wir haben eine Tiefe, die andere schlicht und einfach nicht bieten können, weil sie die Möglichkeiten in den Regionen nicht haben. Das ist unser Vorteil.

News1 ist ja auch als Technologiekooperation konzipiert. Wie gehen Sie vor, um gegen den Technologiegiganten Google bestehen zu können? Wo genau ist News1 technologisch besser als Google?

NEININGER: Wir werden nicht versuchen, Google technisch in den Suchalgorithmen zu schlagen. Wo wir ebenso gut wie andere State-of-the-Art-Anbieter sein werden, ist beim Herstellen von Interaktivität, beim intelligenten Verknüpfen von Datenbanken. Den ganzen technischen Teil macht die Firma 4Screen, die das in den letzten Jahren schon für Ringier gemacht hat. Und diese Beispiele sind wirklich State-of-the-Art. Der grosse Vorteil ist, wir geben viel weniger Geld aus als andere in dem Bereich, weil durch die Mehrfachnutzung der Technologie für den einzelnen viel weniger Ausgaben anfallen. Aber wir haben nicht den Ehrgeiz, eine Suchmaschine auf die Beine zustellen, die Google schlägt.

Ist ein Zusammenführen aller Verlagsangebote auf eine operative Plattform geplant?

NEININGER: Wenn es Sinn macht, gemeinsame Datenbanken aufzubauen, werden wir das verzögerungsfrei tun. Doch das ist nicht matchentscheidend. Wichtig ist, was hinten raus kommt, wichtig sind die Kundenbeziehungen. Der Inhalt zählt. Die Technologie beim Internet verschwindet ja hinter dem Inhalt.
LAUBER: Ich glaube, die Frage wird etwas überschätzt. Vom Konsumenten her betrachtet, ist es ja nicht wichtig, dass wir Technologieentwicklungen machen, sondern dass wir ähnliche oder gleiche Technologien so einsetzen können, dass der Zugang für den Konsumenten überall möglichst einfach ist. Das ist natürlich am einfachsten, wenn wir im Hintergrund gleiche Technologien einsetzen. Das ist ein Schwerpunktziel, denn das spart in den einzelnen Verlagen derart viele Ressourcen, nur schon beim Evaluieren möglicher Lösungen.

Inwiefern ist das News1-Projekt eine Akquisition für die von Ihnen, Herr Neininger, präsidierte Online-Gruppe, die ja kürzlich die erwähnte Firma 4Screen übernommen hat? Die Technologielösung wurde nicht ausgeschrieben, und es stellt sich die Frage, wie unabhängig Sie bei weiteren Entwicklungsschritten werden vorgehen können?

NEININGER: Die News1-Lösung ist in einem Evaluationsverfahren entstanden, und dabei hat man beim Betrachten des Marktes gesehen, dass das eine sinnvolle Lösung ist. Es ist nun so, dass ich im VRAusschuss, der aus Beat Lauber und mir besteht, bei den technischen Ausgaben nicht entscheiden werde. Im Übrigen hat die Online-Gruppe über hundert sehr gute ausgelastete Mitarbeiter, und so gesehen ist news1.ch ein zwar wichtiges, aber doch nicht riesiges Projekt.
LAUBER: Das war relativ einfach. Wir haben am Anfang gesagt, es wird alles auf den Tisch gelegt. Wo können wir am schnellsten aufbauen. Und das war das Angebot, hinter das sich in einem demokratischen Entscheid alle haben stellen können. In Zukunft soll es aber so sein, dass, wenn ein einzelner Verlag Applikationen oder Ideen hat, wir das einbauen und allen zur Verfügung stellen werden. So hat jeder die Chance, gute Ideen einbringen zu können, und so kommen wir am schnellsten vorwärts.

Zum Schluss noch die Frage: Woher kommt der Name News1?

NEININGER: Das hat mich auch schon Roger Schawinski gefragt, und da habe ich gesagt, das haben wir von Berlin, dort gebe es ein Radio1 (lacht).

Und haben Sie sich dabei tatsächlich von Radio 1 inspirieren lassen?

LAUBER: Nein, wir haben ein Brainstorming gemacht. Dieser Name ist von Peter Wanner gekommen, und wir haben ihn alle für gut gefunden und jetzt eingesetzt.

DIE GESPRäCHSPARTNER
Norbert Neininger ist Verleger und Chefredaktor der Schaffhauser Nachrichten, Schaffhausen. Er hat im Sommer 2007 mit der Ankündigung Aufmerksamkeit erregt, der Verband Schweizer Presse prüfe rechtliche Schritte gegen Google wegen Urheberrechtsverletzungen, und dabei erstmals ein gemeinsames News- Aggregations-Projekt von Verlagen gefordert. Neininger ist designierter Verwaltungsratspräsident bei der News1 AG und Verwaltungsratspräsident der Online- Gruppe, die für die News1-Technologielösung zuständig ist.

Dr. Beat Lauber ist Mitglied der NZZGruppenleitung und leitet die FPH Freie Presse Holding AG, in der die Regionalzeitungsbeteiligungen der NZZ-Gruppe zusammengefasst sind. Er hat sich schon vor fünf Jahren mit der Idee eines Pressenetzes für eine enge Kooperation von Regionalzeitungen in der Schweiz eingesetzt. Lauber ist designierter Vizepräsident des News1-Verwaltungsrates.
MONARCHIE VS. DEMOKRATIE
cjw. Welche Staatsform ist die beste? -- Darüber lässt sich trefflich streiten, und dazu gibt es in der schweizerischen Medienlandschaft nun ein schönes Anschauungsbeispiel: Bei den regionalen Newsportalen ist die Tamedia-Monarchie mit ihrem Newsnetzwerk gestartet, während die übrigen Regionalverlage sich zur News1-Föderation zusammengeschlossen haben.

Monarchien gibts in unterschiedlichen Ausprägungen: despotische oder repräsentative, da ein Parlament das Sagen hat. Obwohl eigentlich so aufgestellt, verhält sich die Tamedia nicht als absolute Monarchie, da des Herrschers Wort Gesetz ist. In der Verlagswelt ist solches vielmehr in den Reichen von Rupert Murdoch oder von David Montgomery zu beobachten. Eher schon gibt es an der Werdstrasse eine konstitutionelle Monarchie, da der König immerhin das Recht hat, die Regierung abzusetzen, sonst aber an eine Verfassung gebunden ist. Die traditionelle Unternehmenskultur der Tamedia, ihre Verlagsobjekte möglichst eigenständig und oft in journalistischer Konkurrenz zu führen, kann gleich prägend wie eine solche Verfassung betrachtet werden. Selbstverständlich hat man die eigene Machtposition mit zusätzlichen Bündnissen, seis nach Basel oder im Werbemarkt, abgesichert. So erstaunt es nicht, dass der Online-Bereich als selbstständiges Medium betrieben wird, wozu eine fast 40-köpfige Redaktion allein für den überregionalen Mantelteil aufgebaut wurde, um so die bisherigen Onliner zu entlasten, damit diese sich vollends auf ihre Regionen konzentrieren können. Denn die Tamedia ist reich, vor allem seit sie im Gratiszeitungsmarkt auf eine Goldmine gestossen ist. Und so wird am Hof weiterhin das vorherrschende Mantra gebetet: «Jedem Medium seine eigene Redaktion ». Wie wird es aussehen, wenn der König in wirtschaftlich schlechteren Zeiten seinem Kanzler den Auftrag geben wird, in seinem Reich vom Bodensee bis zur Blüemlisalp Redundanzen zu eliminieren? Wie schnell wird eine solche Kehrtwende vollzogen werden können, und wie stark werden die Untertanen murren oder gar aufbegehren?

Weit schwieriger ist das Regieren bei den freien Verlagen, die sich nun zu einer Tagsatzung getroffen und das News1-Bündnis geschmiedet haben. Schon die Macht der Tagsatzung der Alten Eidgenossenschaft war sehr beschränkt, da die meisten Kompetenzen bei den Kantonen lagen. Gleich wie damals geht es auch heute darum, im Innern Einigkeit zu schaffen, um so gegen die angrenzenden Mächte bestehen zu können. Noch ist offen, wie schlagkräftig sich das News1-Bündnis entwickeln wird. Zwar ist der Grundsatzentscheid wahrlich bemerkenswert, vor allem wenn man bedenkt, dass verstärkte Kooperationen eigentlich seit Jahren Sinn machen würden. Da nach dem Verkauf der Espace Groupe im letzten Sommer weitere nachfolgebedingte Verkäufe regionaler Verlagsimperien nicht in Sicht sind, werden solche Joint-Ventures, und nicht weitere Fusionen, die Medienlandschaft der nächsten Jahre prägen. Wie tragfähig nun die News1-Allianz ist, werden erst die Ergebnisse im Markt zeigen. Fürs Erste stehen Verhandlungen über konkrete Leistungsvereinbarungen noch an. Können die vorhandenen Ressourcen optimal in Stellung gebracht werden, kann News1 durchaus mit dem Tamedia-Königreich gleichziehen. Denn dieses ist längst nicht an allen Fronten gleich gut besetzt. Noch ist am Königshof das Thema Local Search nicht aufgetaucht, während beim News1-Bündnis dazu sowohl die P-Tochter local.ch wie auch die Eigeninitiative a-z.ch der AZ Mediengruppe an Bord ist.

Das Thema Local Search (vgl. Artikel ab Seite 6) macht denn auch deutlich, wo die Schlacht um die Vorherrschaft im Online- Bereich geschlagen werden wird: Vor der Haustüre der Verlage, im lokalen und regionalen Bereich. Da ist es kaum ausschlaggebend, ob die Mantelthemen von einer eigenständigen Redaktion oder durch gezielte Zulieferung und automatisierte Aggregierung zu Stande gekommen sind. Denn dazu gibt es im Internet massenhaft Alternativen: einheimische von Ringier etwa oder fremde aus der ganzen weiten Welt. Gewinnen wird, wer das lokale Leben online abbilden und innovativ stimulieren kann. Dazu braucht es ein neues verlegerisches und journalistisches Selbstverständnis. Da wird es in den nächsten Monaten und Jahren interessant zu beobachten sein, wer diesen Wandel rascher und besser bewerkstelligen wird. Zwar kann die Monarchie rasch handeln -- doch was nützt das, wenn sie es nicht oder mit einer falschen Ausrichtung tut? Und die Föderation kann sich in endlosen Debatten und Aktionen mit halbherzigem Engagement aufreiben oder agil und innovativ zu neuen Ufern aufbrechen. Für den Moment gilt nur: Zwei sind am Start, das Rennen ist offen.
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