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Wie verändert sich Wissen und der Zugang dazu in einer Welt, die sich bei der Informationsbeschaffung zunehmend auf Suchmaschinen abstützt? In einer lesenswerten Aufsatzsammlung nehmen Praktikerinnen, Journalisten und Wissenschaftlerinnen die internetbasierte Wissensgesellschaft kritisch unter die Lupe.
cw. Die 23. Ausgabe des Dudens kennt nicht nur die Suchmaschine Google, sondern auch das Verb googeln. Das ist einer der wenigen Fälle, wo in der deutschen Sprache von einem Markennamen ein Verb abgeleitet und eine neuartige Handlungsweise bezeichnet wird. In ihrer Einleitung zur «Google-Gesellschaft»* schreiben die beiden Herausgeber Kai Lehmann und Michael Schetsche denn auch: «Die Internet-Recherche, da sind sich alle einig, ist heute zu einer zentralen Kulturtechnik geworden.» Und: Wer das Internet mit seinen enormen Potenzialen nutzen will, kommt ohne Suchmaschinen nicht aus. Insbesondere nicht ohne Google, der Nummer eins unter den Suchmaschinen. Insofern, so die Herausgeber, sei es nur gerechtfertigt, wenn die 54 Autoren des Buches Google als Synonym nehmen für eine grundlegend andere Art und Weise, wie im 21. Jahrhundert Wissen geschaffen, verändert und verteilt wird.
Relevant ist, was top platziert ist
Das fängt damit an, dass Wissen, welches von Google & Co. nicht gefunden wird, wissenspraktisch nicht existiert – zumindest nicht für den Googler, dessen Wissen primär durch die Nutzung der Suchtechnologie bestimmt wird. Man kann sogar so weit gehen wie Klaus Platzwald in seinem Aufsatz «Suchmaschinenlandschaften» und sagen, dass für den Google-Nutzer nur das Wissen existiert, das auf der ersten, eventuell noch auf der zweiten und dritten Seite platziert ist. Was dann sofort die Frage nach Manipulationsmöglichkeiten bei Google & Co. aufwirft: In der Reise-, Versicherungs-, Immobilien- oder Autobranche kämpfen professionelle Suchmaschinenoptimierer mit harten Bandagen darum, ihre Kunden auf die vordersten Plätze zu bringen. Andererseits kommen neue Webseiten mit einer Verzögerung von mehreren Tagen bis Monaten in den Index der Suchmaschinen, viele Sites werden nicht oder zu wenig oft aktualisiert. Wie gross ist also in Tat und Wahrheit das Wissensfenster, durch das der Nutzer einer Searchmachine guckt?
Im Reich der Verschwörungen
Ungeachtet dessen ist die «ergoogelte Wirklichkeit», wie sie Michael Schetsche in seinem Beitrag über Verschwörungstheorien im Internet beschreibt, immer bestimmender für unsere Realitätswahrnehmung. Der deutsche Journalist Mathias Bröckers schrieb sein Buch über Verschwörungstheorien zum 11.9.2001 praktisch auf Grund von zusammengefügten Google-Quellen. Das konnte er, weil im Netz «jeder unüberprüfbar als Spezialist für dieses oder jenes auftreten und sich den Anschein von Kompetenz geben kann». Im Unterschied zum journalistisch «überprüften» Wissen der Massenmedien setzt sich Google-Wissen aus einer beliebigen Mischung von Fakten und Fiktionen zusammen. Urheber sind Wissenschaftler gleichermassen wie selbsternannte Experten, interessierte Laien, Spassvögel oder Paranoiker. Suchmaschinen wie Google verändern die Realitätswahrnehmung insofern, als in ihnen auch abweichende Realitätsdeutungen eine Chance haben, die auf Grund politischer und ökonomischer Selektionsmassnahmen in den Massenmedien chancenlos bleiben müssen.
Digitales Wissen als Gegenmacht
Hier knüpft die Mediensoziologin Helga Böhm an, wenn sie das Thema Gegenöffentlichkeit im Internet aufgreift. Das im Rahmen der Proteste gegen das WTO-Treffen in Seattle 1999 ins Leben gerufene «linke» Nachrichtenportal Indymedia.org will gleichermassen Globalisierungsgegner mobilisieren und Medienkonsumenten ermöglichen, Medienproduzenten zu werden. Dazu stellt es der Berichterstattung der etablierten Medien eine Berichterstattung «von unten» entgegen. Bedeutsam in der Google-Gesellschaft ist Indymedia.org insofern, weil hier Menschen, die über Tausende von Kilometern entfernt an ihren Rechnern sitzen, auf Grund gemeinsamer (politischer) Interessen im Internet zusammenkommen, ihr Wissen austauschen und, zwar nicht gerade in Echtzeit, aber doch sehr rasch in politische Aktionen umsetzen.
Der andere Pol dieses internetbasierten «grassroot journalism» bilden die etablierten Medien, bei denen Google & Co. tiefe Spuren hinterlassen haben. Zur Frage: «Wie hat Google den Journalismus verändert?» führt Jochen Wegner, der Leiter des Ressorts «Forschung und Technik» von Focus, vier Thesen an. Zwei davon lauten: «Google definiert den Mindeststandard und oft den Maximalstandard journalistischer Recherche.» Für erstere These zitiert er den Life-Einstieg zu einem Spiegel-Artikel, der (wahrscheinlich) auf Grund von Google-Treffern zusammengeschustert wurde. Wo einerseits die Recherche-Budets von Verlagen sinken, anderseits die Preise vieler kostenpflichtiger Qualitätsdatenbanken sich vervielfacht haben, ist kostenloses Googeln das Recherche-Instrument par excellence. Bedenklicher sei, so der Autor, wenn Medienschaffende den Google-Index als Beleg für die Relevanz eines Sachverhalts oder die Bedeutung einer Person heranziehen. Abgesehen davon, dass man je nach Suchvorgabe zu ganz verschiedenen Trefferquoten gelangt, ist das Ranking in Google vielfältigen Verzerrungen unterworfen (siehe vorne).
Lesen offline, verifizieren online
Erfreulich an diesem 400-seitigen Reader sind nicht nur die flüssig geschriebenen und verständlichen, knapp gehaltenen Aufsätze, sondern die ergänzenden digitalen Verweise. Man liest den Artikel offline und verifiziert das Gelesene online. Elitäre Diskussionen zum digitalen Wandel des Wissens gibt es viele; mit der «Google-Gesellschaft» liegt jetzt eine vorläufige Bestandesaufnahme vor, welche die praktischen Auswirkungen dieser Wissensrevolution nachvollziehbar aufzeigt.
*DIE GOOGLE-GESELLSCHAFT
HRSG. VON KAI LEHMANN UND MICHAEL SCHETSCHE
TRANSCRIPT VERLAG, BIELEFELD 2005
408 SEITEN, FR. 46.90
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